DBA Deutschland-Frankreich (1959/Protokolle)
Kernsachverhalt
Das DBA-Frankreich vom 21.07.1959 ist eines der aeltesten noch geltenden DBA Deutschlands. Durch zahlreiche Protokolle (1969, 1989, 2001, 2015) wurde es aktualisiert, bleibt aber strukturell veraltet und weicht in einzelnen Punkten vom OECD-MA ab. Praxisrelevant ist insbesondere die Grenzgaengerregelung Elsass-Lothringen-Saar/Baden-Wuerttemberg mit der 20-Kilometer-Zone und die Pensionsbesteuerung mit umfassender Sonderregelung.
Kaltstart-Rueckfragen
- Wohnsitzkonstellation, Einkunftsart?
- Arbeitnehmer im Grenzbezirk Elsass-Lothringen? 20-km-Zone beidseitig?
- Tageweise Rueckkehr zum Wohnsitz?
- Bei Pension: gesetzliche oder berufsstaendische, oeffentlich/privat?
- Bei Beteiligung: Schachtelhoehe?
- Veraeusserung Immobilien?
- Welche DBA-Protokoll-Fassung ist anwendbar im Veranlagungszeitraum?
- MLI-Anpassungen relevant?
Rechtlicher Rahmen
Primaernormen
- DBA Deutschland-Frankreich vom 21.07.1959 (BGBl. 1961 II S. 397/398) mit Aenderungsprotokollen: 09.06.1969, 28.09.1989, 20.12.2001, 31.03.2015 (BGBl. 2015 II S. 1332/1335).
- OECD-MA zur Auslegungshilfe.
- §§ 34c, 32b, 50d EStG, § 20 AStG.
- MLI: Deutschland und Frankreich sind Unterzeichnerstaaten; MLI wirksam fuer DBA-FR ab 01.01.2025 (BGBl. 2025 II Nr. 5) — konkrete Notification-Listen beim OECD-MLI-Status-Portal pruefen.
- Grenzgaengervereinbarung (Verwaltungsvereinbarung Deutschland-Frankreich vom 16.02.2006) — massgebend im Original.
Leitentscheidungen und BMF-Schreiben
- Aktuelle BFH-Rechtsprechung zur Pensionsbesteuerung nach DBA-Frankreich ueber dejure.org / BFH-Datenbank abrufen.
- Aktuelle BFH-Rechtsprechung zum Grenzgaenger DBA-Frankreich ueber dejure.org / BFH-Datenbank abrufen.
- Konsultationsvereinbarung Deutschland-Frankreich vom 20.03.2025 zur Anwendung des Kassenstaatsprinzips nach Art. 14 Abs. 1 DBA-Frankreich bei beitragsfinanzierten Altersbezuegen an ehemalige franzoesische Bedienstete (BMF-Veroeffentlichung vom 19.05.2025; PDF "2025-05-19-konsultationsver-kassenstaatsprinzip" abrufbar unter bundesfinanzministerium.de, Bereich Internationales Steuerrecht / Frankreich).
- BMF-Schreiben zur Grenzgaengerregelung DBA-Frankreich — aktuellen Stand im BMF-Veroeffentlichungsverzeichnis pruefen.
Land-spezifisches
Ansaessigkeit (Art. 2)
- Im DBA-FR steht "Wohnsitz" abweichend zu Art. 4 OECD-MA. Tie-Breaker funktioniert sinngemaess.
Betriebsstaette (Art. 2 Abs. 7)
- Bauausfuehrung-Schwelle: 12 Monate Standard, im DBA-FR konkret zu pruefen.
Aktive Einkuenfte
- Unternehmensgewinne (Art. 4).
- Grenzgaengerregelung (Art. 13 Abs. 5 DBA-FR, erlaeutert durch Verwaltungsvereinbarung 16.02.2006): Arbeitnehmer mit Wohnsitz in der Grenzzone des einen Staats, Taetigkeitsort in der Grenzzone des anderen Staats, taegliche Rueckkehr — Besteuerung Wohnsitzstaat.
- Die Grenzzone wird in der Praxis als 20-km-Zone bzw. nach Gemeindeverzeichnis bestimmt (konkrete Definition und aktuelle Gemeindelisten im BMF-Schreiben und DBA-Protokoll pruefen).
- Schaedlichkeitsschwelle Nicht-Rueckkehrtage: in der Verwaltungsvereinbarung 16.02.2006 ist eine Tagesschwelle normiert (in der Literatur regelmaessig mit 45 Tagen pro Jahr referenziert) — konkrete Schwelle aus Verwaltungsvereinbarung uebernehmen, nicht aus diesem Skill.
Passive Einkuenfte
- Dividenden (Art. 9): typ. 0/15 Prozent (Schachtel 0 Prozent, Streubesitz 15 Prozent) — massgebend ist Art. 9 DBA-Frankreich in der jeweils geltenden Fassung.
- Zinsen (Art. 10): typ. 0/10 Prozent — massgebend ist Art. 10 DBA-Frankreich in der jeweils geltenden Fassung.
- Lizenzgebuehren (Art. 12): typ. 0/5 Prozent — massgebend ist Art. 12 DBA-Frankreich in der jeweils geltenden Fassung.
Vermeidungs-Methode (Art. 20)
- Freistellung mit Progressionsvorbehalt bei aktiven Einkuenften.
- Anrechnung bei passiven Einkuenften.
Besonderheiten
- Pensionen Art. 13 Abs. 8: gesetzliche Renten typ. Kassenstaat, private Pensionen Wohnsitzstaat — Verzeichnis der erfassten Rentenarten im BMF-Schreiben und DBA-Text pruefen.
- Veraeusserung Immobilien (Art. 7): Belegenheit.
- 20-km-Zone: Liste der Grenzgemeinden in Anlage zum DBA-Protokoll.
- Erbschaftsteuer-DBA Deutschland-Frankreich: separat (DBA-Erbschaft- und Schenkungsteuer mit Frankreich vom 12.10.2006, BGBl. 2007 II S. 900).
Workflow
Phase 1 — DBA-Anwendbarkeit pruefen
- Welche Fassung gilt? Welche Protokollaenderungen sind im Veranlagungszeitraum bereits anwendbar?
Phase 2 — Ansaessigkeit klaeren
- Tie-Breaker analog OECD-MA.
Phase 3 — Einkunftsart einordnen
- Grenzgaenger? 20-km-Pruefung beidseitig.
Phase 4 — Verteilungs- und Methodenartikel
- Quellensteuer-Hoechstsatz.
- Freistellung / Anrechnung.
Phase 5 — Erstattung und Erklaerung
- BZSt-Antrag bei Beteiligungen.
- Anlage AUS / N-AUS / R-AUS.
- Bei Grenzgaengern: Grenzgaengernachweis durch Arbeitgeberbescheinigung.
Output
- Mandanten-Memo mit Subsumtion Grenzgaengerregelung.
- Grenzgaengernachweis Vorlage (Arbeitgeberbescheinigung).
- Berechnungsbeispiel Grenzgaenger.
- BZSt-Hinweise.
Strategie und Praxis-Tipps
- Grenzgaengerregelung Elsass: Wohnsitz und Taetigkeitsort muessen beide in der 20-km-Zone liegen — Wohnsitz in Karlsruhe und Arbeitsort in Strassburg: kein Grenzgaengerstatus (Karlsruhe nicht in Zone).
- 45-Tage-Schaedlichkeitsregel akribisch dokumentieren — Dienstreisen, Krankheitstage zaehlen unterschiedlich.
- Pensionen aus franzoesischer "Reseau Securite Sociale" gesondert geregelt — Verzeichnis konsultieren.
- Bei strittiger Auslegung: Verstaendigungsverfahren oder EU-DBA-SBG anrufen.
- Alte 1959-DBA-Struktur: Artikel-Nummern weichen vom OECD-MA ab — vor Zitat im Memo Stelle pruefen.
- Erbschaftsteuer-DBA-Frankreich gesondert beachten (Doppelbesteuerung Erbschaft moeglich).
Praktiker-Tipps der alten Hasen
Erstattungsverfahren franzoesische Quellensteuer (retenue a la source)
- Zustaendigkeit: franzoesische Erstattung durch Service des Impots des Non-Residents (SIPNR) in Noisy-le-Grand. Aktuelle Zustaendigkeit auf impots.gouv.fr pruefen.
- Antragsformulare: in der Praxis verbreitete franzoesische Formulare Cerfa 5000 (Antrag Quellensteuerentlastung/Reduktion auf DBA-Hoechstsatz; "Attestation de residence") und Cerfa 5001 (Antrag Erstattung Dividenden bei Streubesitz); fuer Zinsen Cerfa 5002, fuer Lizenzen Cerfa 5003 — konkrete Formularnummern und Bezeichnungen sind vom Anwender mit aktuellem Stand auf impots.gouv.fr zu verifizieren (Cerfa-Nummern werden periodisch geaendert).
- Frist: nach franzoesischem CGI (Code General des Impots) und Livre des procedures fiscales regelmaessig bis 31. Dezember des zweiten Folgejahres nach Steuerentrichtung — knappe Frist!
- Bearbeitungsdauer SIPNR: typischerweise 12-36 Monate; bei strittigen Faellen erheblich laenger. Anwaltliche Vertretung empfohlen bei groesseren Erstattungsbetraegen.
- Online-Portal: impots.gouv.fr mit eigenem Bereich "Particuliers / international" und "Professionnels"; Online-Steuerkonto fuer Nichtansaessige.
Lokaler Steuerberater-Kontakt
- Empfehlung: bei Grenzgaenger-Pendlerfaellen mit strittigem 45-Tage-Verhalten; bei franzoesischen Beteiligungsstrukturen (SAS, SARL); bei Renten/Pensionen mit franzoesischer Securite-Sociale-Beteiligung; bei Immobilien-Eigentuemern in FR (Erbschaftsteuer-DBA). Franzoesische Avocat-fiscalistes mit DE-Mandanten.
Sprachen-Falle
- DBA-FR ist zweisprachig DE/FR — die franzoesische Originalfassung ist regelmaessig mitverbindlich. Bei Auslegungsstreitigkeiten Begriffe wie "etablissement stable", "siege de direction effective", "remunerations" im Originaltext pruefen.
- Verwaltungsvereinbarung Grenzgaenger 16.02.2006 liegt zweisprachig vor.
Online-Portale
- impots.gouv.fr: zentrale franzoesische Steuerverwaltung.
- **service-public.fr