DBA-Grundprinzip: OECD-Musterabkommen 2017 und Anwendungsschritte
Kernsachverhalt
Das OECD-Musterabkommen (OECD-MA) in der Fassung 2017 ist Grundlage nahezu aller deutschen Doppelbesteuerungsabkommen. Mit den BEPS-Anpassungen 2017 und dem Multilateralen Instrument (MLI) seit 2018 wurden zentrale Vorschriften modifiziert, ohne dass alle bilateralen Abkommen neu verhandelt werden mussten. Dieser Skill bildet das Pruefungsraster, das in jedem laenderspezifischen Skill vorausgesetzt wird, und ist Einstiegspunkt fuer jeden grenzueberschreitenden Steuerfall.
Kaltstart-Rueckfragen
- Welcher Mandant ist betroffen: natuerliche Person oder Kapitalgesellschaft oder Personengesellschaft (Transparenz)?
- Welche Einkunftsart liegt vor: Unternehmensgewinn, unselbstaendige Arbeit, Dividende, Zins, Lizenz, unbewegliches Vermoegen, Veraeusserungsgewinn, sonstige Einkuenfte?
- In welchem Staat ist der Mandant ansaessig nach nationalem Recht (§§ 1, 8 EStG, § 1 KStG, § 10 AO)?
- Liegt in beiden Staaten unbeschraenkte Steuerpflicht vor, sodass Tie-Breaker greift?
- Welche DBA-Fassung ist anwendbar (Datum des Veranlagungszeitraums)?
- Wurde das anwendbare DBA durch MLI angepasst (PPT-Klausel, Betriebsstaetten-Begriff)?
- Ist eine Subject-to-Tax-Klausel oder ein nationaler Treaty Override (§ 50d EStG) relevant?
- Soll Freistellung mit Progressionsvorbehalt oder Anrechnungsmethode angewendet werden?
Rechtlicher Rahmen
Primaernormen
- OECD-Musterabkommen 2017 (mit Kommentar). Aufbau in sieben Kapiteln: Anwendungsbereich, Begriffsbestimmungen, Verteilungsartikel, Methodenartikel, besondere Bestimmungen, Schlussbestimmungen, Verstaendigung.
- MLI (Multilateral Convention to Implement Tax Treaty Related Measures, 24.11.2016). Ratifikation durch Deutschland Dezember 2020 (BGBl. 2020 II S. 946), in Kraft fuer Deutschland ab 01.04.2021; Wirksamkeit fuer einzelne DBA abhaengig von kongruenter Notification beider Vertragsstaaten — aktuellen Status im BMF-DBA-Verzeichnis pruefen.
- OECD-Kommentar zum MA 2017 (statischer vs. dynamischer Auslegungsansatz; BMF folgt grundsaetzlich dynamischer Auslegung).
- § 2 AO — Vorrang voelkerrechtlicher Vereinbarungen vor nationalem Recht, soweit unmittelbar anwendbar.
- §§ 34c, 34d EStG — nationale Anrechnungsmethode und Definition auslaendischer Einkuenfte.
- §§ 49, 50, 50a, 50c, 50d EStG — beschraenkte Steuerpflicht, Quellensteuer, Erstattung, Treaty Override.
- § 20 Abs. 2 AStG — Switch-over-Klausel (Wechsel Freistellung zu Anrechnung).
- § 50d Abs. 8, 9, 10 EStG — Rueckfallklauseln (subject-to-tax bzw. switch-over national).
- Art. 25 OECD-MA — Verstaendigungsverfahren (MAP).
- EU-Streitbeilegungsrichtlinie 2017/1852 umgesetzt durch EU-DBA-SBG.
Leitentscheidungen und BMF-Schreiben
- BMF-Schreiben zur Anwendung der DBA auf Personengesellschaften vom 26.09.2014 (BStBl I 2014, 1258) (Bestandsschutz und Folgeschreiben) — aktuellen Stand und Aktualisierungen im BMF-Veroeffentlichungsverzeichnis oder in freier amtlicher Quelle pruefen.
- BMF-Schreiben zur Anwendung des MLI — aktuellen Stand und Datum im BMF-Veroeffentlichungsverzeichnis pruefen.
- Rechtsprechung: keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren.
Aufbau eines typischen DBA
| Kapitel | Inhalt | Pruefungsrelevanz |
|---|---|---|
| Praeambel | Zweck (Vermeidung Doppelbesteuerung und Steuerverkuerzung) | seit BEPS auch Anti-Missbrauch |
| Art. 1 | Persoenlicher Anwendungsbereich | Ansaessige Personen beider Staaten |
| Art. 2 | Sachlicher Anwendungsbereich | Welche Steuern erfasst |
| Art. 3 | Allgemeine Definitionen | Begriff "Person", "Gesellschaft", "Unternehmen" |
| Art. 4 | Ansaessigkeit | Tie-Breaker bei doppelter Ansaessigkeit |
| Art. 5 | Betriebsstaette | Feste Geschaeftseinrichtung, Vertreter, MLI-Anpassungen |
| Art. 6 | Einkuenfte aus unbewegl. Vermoegen | Belegenheitsstaat |
| Art. 7 | Unternehmensgewinne | Betriebsstaettenprinzip |
| Art. 8 | Schifffahrt und Luftverkehr | tatsaechl. Geschaeftsleitung |
| Art. 9 | Verbundene Unternehmen | Verrechnungspreise, Korrespondenzanpassung |
| Art. 10 | Dividenden | Quellenstaat-Hoechstsatz |
| Art. 11 | Zinsen | Quellenstaat-Hoechstsatz |
| Art. 12 | Lizenzgebuehren | MA-typisch Wohnsitzstaat, viele DBA abweichend |
| Art. 13 | Veraeusserungsgewinne | Belegenheit oder Wohnsitz |
| Art. 14 | (entfallen seit 2000, in alten DBA noch: selbstaendige Arbeit) | bei alten DBA gesondert pruefen |
| Art. 15 | Unselbstaendige Arbeit | 183-Tage-Regel, Grenzgaenger |
| Art. 16 | Aufsichtsrats-/Verwaltungsratsverguetungen | regelmaessig Sitzstaat der Gesellschaft |
| Art. 17 | Kuenstler und Sportler | Auftrittsstaat |
| Art. 18 | Ruhegehaelter | Wohnsitzstaat / Kassenstaat unterschiedlich |
| Art. 19 | Oeffentlicher Dienst | Kassenstaat |
| Art. 20 | Studenten | Befreiung Vergutung Heimatstaat |
| Art. 21 | Andere Einkuenfte | Wohnsitzstaat (Auffangtatbestand) |
| Art. 22 | Vermoegen | nicht in allen DBA |
| Art. 23A/B | Methodenartikel | Freistellung (A) vs. Anrechnung (B) |
| Art. 24 | Diskriminierungsverbot | Inlaenderbehandlung |
| Art. 25 | Verstaendigungsverfahren (MAP) | Streitbeilegung |
| Art. 26 | Informationsaustausch | OECD-Standard, FATCA, CRS |
| Art. 27 | Amtshilfe Beitreibung | nicht in jedem DBA |
| Art. 28 | Diplomaten | Wiener Uebereinkommen |
| Art. 29 | Anti-Missbrauch / PPT | seit MLI / BEPS |
| Art. 30+ | Inkrafttreten, Kuendigung | Pruefung Zeitlicher Anwendungsbereich |
Pruefungsschritte (Standard-Workflow)
Phase 1 — Persoenlicher und sachlicher Anwendungsbereich
- Ist Mandant "Person" iSd Art. 3 MA (natuerliche Person, Gesellschaft, sonstige Personenvereinigung)?
- Ist die fragliche Steuer eine "unter das Abkommen fallende Steuer" (Art. 2)?
- Welche zeitliche Fassung gilt? Bei Anpassung durch MLI: gilt MLI fuer Veranlagungszeitraum?
Phase 2 — Ansaessigkeit (Art. 4)
- Pruefung Ansaessigkeit nach nationalem Recht beider Staaten.
- Bei Doppelansaessigkeit: Tie-Breaker (staendige Wohnstaette, Mittelpunkt der Lebensinteressen, gewoehnlicher Aufenthalt, Staatsangehoerigkeit, Verstaendigung). Bei Gesellschaften: Ort der tatsaechlichen Geschaeftsleitung (alt) bzw. MAP (MLI-Standard).
- Verweis:
stb-dba-ansaessigkeit-tie-breaker-rules.
Phase 3 — Einkunftsart einordnen
- Welche Einkunftsart liegt vor (Art. 6 bis Art. 21)?
- Pruefung Qualifikationskonflikte (Lizenz vs. Unternehmensgewinn; stille Gesellschaft vs. Dividende).
- Subsidiaritaet: Spezialregel verdraengt Auffangtatbestand Art. 21.
Phase 4 — Verteilungsartikel anwenden
- Welcher Staat hat das ausschliessliche, welcher das geteilte Besteuerungsrecht?
- Bei geteilter Besteuerung Hoechstsatz Quellensteuer pruefen — konkreten Satz im jeweiligen DBA-Text und ggf. MLI-Notification konsultieren.
Phase 5 — Methodenartikel anwenden (Art. 23A/B)
- Freistellung mit Progressionsvorbehalt (§ 32b EStG) — standardmaessig bei Aktivitaetsklausel und Subject-to-Tax.
- Anrechnung nach § 34c EStG — bei passiven Einkuenften, Schweiz/USA grundsaetzlich, oder bei Rueckfallklauseln.
- Switch-over § 20 Abs. 2 AStG bei niedrig besteuerter Betriebsstaette.
- Verweis:
stb-dba-methodenartikel-anrechnung-vs-freistellung.
Phase 6 — Treaty Override und Rueckfallklauseln
- Pruefung § 50d Abs. 8, 9, 10 EStG (Rueckfallklauseln bei Nichtbesteuerung).
- Pruefung § 50d Abs. 3 EStG (Anti-Treaty-Shopping).
- Pruefung § 50j EStG (Dividenden bei Cum-Cum-Konstruktionen).
- Pruefung Anti-Missbrauchsklausel des DBA (PPT seit MLI).
Phase 7 — Verfahren
- Quellensteuerentlastung: BZSt-Erstattungsantrag § 50c EStG.
- Antraege auf Freistellungsbescheinigung vorab.
- Verstaendigungsverfahren bei Doppelbesteuerung trotz DBA (Art. 25 MA).
- EU-Streitbeilegung nach EU-DBA-SBG.
Output
- DBA-Pruefungsraster (tabellarisc