DBA Deutschland-Russland: Suspendierung wesentlicher Verguenstigungen (Stand BMF 15.01.2024)
Kernsachverhalt
Russland hat mit Verbalnote vom 08.08.2023 die Anwendung der Art. 5 bis 22 und 24 sowie der Nummern 2 bis 7 des Protokolls zum DBA Deutschland-Russland vom 29.05.1996 von russischer Seite suspendiert. Deutschland hat als Gegenmassnahme nach § 1 Abs. 3 Satz 2 StAbwG (BGBl. 2021 I S. 2056) die Russische Foederation durch die Zweite Verordnung zur Aenderung der Steueroasen-Abwehrverordnung (BGBl. 2023 I Nr. 375) in die Liste nicht kooperativer Steuerhoheitsgebiete der StAbwV (BGBl. 2021 I S. 5236) aufgenommen. Der konsolidierte BMF-Stand der DBA zum 01.01.2024 (BMF-Schreiben vom 15.01.2024, GZ IV B 2 - S 1301/21/10048 :003) dokumentiert die Suspendierung. Das DBA besteht formell weiter ist aber in seinen praxisrelevanten Teilen ausser Vollzug. Die Folgen sind tiefgreifend fuer laufende Mandate mit Russlandbezug.
Kaltstart-Rueckfragen
- Konstellation Mandant: Beteiligung an russischer Gesellschaft, Russland-Filiale, russische Kunden?
- Veranlagungszeitraum vor oder nach 01.01.2024 (Wirkung der StAbwG-Gegenmassnahme und konsolidierter BMF-Stand)?
- Welche Einkunftsarten betroffen: Dividenden, Zinsen, Lizenzen, Unternehmensgewinne?
- Bereits gestellte BZSt-Antraege im Bestand?
- Sanktionsbetroffenheit der Mandantenbeziehungen (SDN-Listen)?
- Devisenkontrollen Russland: Auszahlungssperren?
- Alternative Vermeidung Doppelbesteuerung — § 34c EStG?
- Zukunft der Geschaeftsbeziehung Russland-Deutschland?
Rechtlicher Rahmen
Primaernormen
- DBA Deutschland-Russland vom 29.05.1996 (BGBl. 1996 II S. 2710), in Kraft seit 30.12.1996.
- Russische Verbalnote vom 08.08.2023 (basierend auf Praesidialerlass Nr. 585 vom 08.08.2023): suspendiert von russischer Seite Art. 5 bis 22 und 24 sowie Protokoll-Nrn. 2 bis 7.
- § 1 Abs. 3 Satz 2 StAbwG (BGBl. 2021 I S. 2056): Ermaechtigung zur Aufnahme nicht kooperativer Steuerhoheitsgebiete in die StAbwV.
- StAbwV (BGBl. 2021 I S. 5236) in der Fassung der Zweiten Verordnung zur Aenderung der Steueroasen-Abwehrverordnung vom 20.12.2023 (BGBl. 2023 I Nr. 375): Aufnahme der Russischen Foederation als deutsche Gegenmassnahme zur einseitigen russischen Suspendierung.
- BMF-Schreiben vom 15.01.2024, GZ IV B 2 - S 1301/21/10048 :003: Stand der Doppelbesteuerungsabkommen und der DBA-Verhandlungen zum 01.01.2024 (dokumentiert Suspendierungslage Russland).
- §§ 34c, 32b, 50d EStG, § 20 AStG.
- EU-Sanktionsrecht (Verordnungen (EU) 833/2014 ff., laufende Aktualisierungen).
- Aussenwirtschaftsgesetz und Aussenwirtschaftsverordnung (Bundesbank-Meldewesen).
- MLI: Russland hat das MLI im Mai 2019 ratifiziert; das DBA Deutschland-Russland ist jedoch in keiner einschlaegigen MLI-Notification als covered tax agreement gelistet (Stand BMF 01.01.2026). Aufgrund der russischen Verbalnote vom 08.08.2023 und der Suspendierungslage ist der MLI-Status praxisirrelevant.
BMF-Schreiben und Verordnungslage
- BMF-Schreiben vom 15.01.2024 (GZ IV B 2 - S 1301/21/10048 :003) — konsolidierter Stand der Doppelbesteuerungsabkommen zum 01.01.2024.
- Zweite Verordnung zur Aenderung der Steueroasen-Abwehrverordnung vom 20.12.2023 (BGBl. 2023 I Nr. 375) — Aufnahme Russlands in die StAbwV-Liste.
- Folgeschreiben des BMF zu Anwendungshinweisen sind moeglich; aktuellen Stand im BMF-DBA-Verzeichnis pruefen.
Land-spezifisches
Suspendierte Vorschriften
Nach der russischen Verbalnote vom 08.08.2023 sind von russischer Seite die Artikel 5 bis 22 und 24 sowie die Protokoll-Nummern 2 bis 7 des DBA suspendiert. Praxisrelevante Auswirkungen:
| DBA-Vorschrift | Materie | Folge der Suspendierung |
|---|---|---|
| Art. 7 | Unternehmensgewinne | Pruefung im Einzelfall; keine reflexartige Anwendung |
| Art. 10 | Dividenden | DBA-Quellensteuerermaessigung suspendiert; deutsche Seite voller Steuerabzug nach § 43 ff. EStG (Kapitalertragsteuer 25 Prozent zzgl. Solidaritaetszuschlag); russische Seite erhebt Quellensteuer nach russischem Steuerrecht (allgemeiner Satz 15 Prozent fuer Nichtansaessige, Stand 2024) ohne DBA-Begrenzung |
| Art. 11 | Zinsen | analoge Suspendierung |
| Art. 12 | Lizenzgebuehren | analoge Suspendierung |
| Art. 13 | Veraeusserungsgewinne | DBA-Schutz teilweise weg |
| Art. 23 | Methodenartikel | Freistellung mit Progressionsvorbehalt eingeschraenkt; Anrechnungsmethode nach § 34c EStG vorrangig |
Die genaue Liste der suspendierten Artikel ergibt sich aus dem Wortlaut der russischen Verbalnote vom 08.08.2023; die deutsche Seite zieht hieraus die Konsequenzen ueber die StAbwV-Listung und § 1 Abs. 3 StAbwG (Steueroasen-Abwehr-Rechtsfolgen).
Was bleibt anwendbar
- Verstaendigungsverfahren Art. 25 (zumindest formal).
- Diskriminierungsverbot Art. 24 (zumindest formal).
- Informationsaustausch Art. 26 — praktisch eingeschraenkt.
Vermeidungs-Methode bei Suspendierung
- § 34c EStG-Anrechnung: ohne DBA-Freistellung gilt nationale Anrechnung russischer Steuer auf deutsche Steuer.
- Per-Country-Limitation pro Russland.
- Bei Nachweisproblemen: Anrechnung scheitert — Doppelbesteuerung droht.
Sanktions- und Devisenfragen
- EU-Sanktionen: Verbot bestimmter Transaktionen, Sanktionen gegen Personen und Institutionen.
- Russische Devisenkontrolle: Auszahlungssperren auf Konten gebietsansaessiger Auslaender.
- Spezial-Verrechnungskonten Typ C — eingeschraenkter Zugriff.
Workflow
Phase 1 — Anwendungszeitraum klaeren
- Vor russischer Verbalnote 08.08.2023: altes DBA in vollem Umfang anwendbar.
- Zwischen 08.08.2023 (russische Suspendierung) und 01.01.2024 (Wirkung der deutschen StAbwG-Gegenmassnahme und konsolidierter BMF-Stand): einseitige russische Suspendierung; deutsche Quellensteuerentlastung formal noch moeglich, aber praktische Probleme bei Erstattung und gegenseitiger Anwendung.
- Ab 01.01.2024: vollstaendige Beachtung der Suspendierungslage; § 34c EStG-Anrechnung statt DBA-Freistellung; StAbwG-Rechtsfolgen pruefen.
Phase 2 — Konstellation pruefen
- Welche Einkunftsart betroffen?
- Sanktionsstatus der Beteiligten?
Phase 3 — Quellensteuer und Methodenartikel
- Bei Suspendierung: volle Quellensteuer in DE; Anrechnung russischer Steuer nach § 34c EStG.
- § 34c-Nachweise organisieren — russische Steuerbescheide.
Phase 4 — Sanktions-Compliance
- Pruefung Konsolidierte Sanktionsliste (EU, US OFAC).
- Pruefung Aussenwirtschaftsrecht.
- Pruefung Devisenkontrolle Russland.
Phase 5 — Mandanten beraten
- Memo zu Doppelbesteuerung und Mitigation.
- Empfehlung bzgl. Geschaeftsbeziehung Russland.
- Pruefung Wegzugsmoeglichkeiten russischer Mandanten.
Phase 6 — Verstaendigungsverfahren
- MAP bleibt formal moeglich — praktisch erschwert.
Output
- Mandanten-Memo zur Suspendierung und ihren Folgen.
- Berechnungsbeispiel Anrechnung vs. fruehere Freistellung.
- Sanktions-Compliance-Memo mit Sanktionslisten-Check.
- Empfehlung zur Geschaeftsbeziehung.
Strategie und Praxis-Tipps
- Suspendierung gilt fuer Vorgaenge ab dem 01.01.2024 in voller Reichweite (konsolidierter BMF-Stand 15.01.2024 und Wirkung der StAbwV-Listung); Altvorgaenge bis 07.08.2023 haben vollen DBA-Schutz; Uebergangszeitraum 08.08.2023 bis 31.12.2023 sorgfaeltig pruefen.
- § 34c EStG-Anrechnung erfordert Nachweis russischer Steuer — wegen Sanktionen schwierig zu beschaffen.
- Beweisanforderungen lockern bei Sanktionsbetroffenheit nicht — § 90 Abs. 2 AO erhoehte Mitwirkungspflicht im Ausland-Bezug.
- Sanktions-Compliance frueh pruefen: EU-Sanktionsverordnungen, OFAC SDN-Liste, Sanktionen gegen Personen und Branchen.
- Devisenkontrollen Russland: Zahlungen an deutsche Glaeubiger nur ueber Sonderkonten — Sanktionsbruch droht.
- Belarus: Das DBA Deutschland-Belarus vom 30.09.2005 ist mit Wirkung zum 01.01.2025 vollstaendig ausgesetzt (BGBl. 2025 II Nr. 6; Notifizierung an Belarus am 30.12.2024; Teilaussetzung einzelner Vorschriften