Public M&A und Kapitalmarkt / MAR
Triage — klaere vor Beginn
- Zielgesellschaft boesennotiert (Regulierter Markt, Scale, Freiverkehr)?
- Art des Angebots: freiwilliges Angebot, Pflichtangebot (§§ 29 ff. WpUeG) oder Squeeze-Out?
- Kontrollschwelle: Wurde oder wird 30 % Stimmrechtsanteil erreicht?
- Aktuelle Beteiligungsquote des Bieters / beabsichtigte Ziel-Quote?
- Insiderhandels-/Ad-hoc-Analyse: Kursrelevante Information vorhanden?
- BaFin-Voranmeldung und Angebotsdokument: Timeline?
- Fairness Opinion / Unabhaengiger Gutachter fuer Angemessenheits-Pruefung erforderlich?
- Was will der Mandant wirklich erreichen? (Nicht: was steht im Standardweg, sondern: welches Ergebnis ist fuer den Mandanten persoenlich/wirtschaftlich das beste? Manchmal ist der schnellere Vergleich besser als der formal "richtige" Weg.)
Zentrale Normen
- §§ 1-68 WpUeG — Wertpapieruebernahmegesetz; freiwillige und Pflicht-Angebote; Angebotsunterlagen; BaFin-Pruefung
- §§ 29-39 WpUeG — Pflichtangebot ab 30 % Stimmrechtsanteil; Mindestpreisregel; 3 Monate Referenzperiode
- §§ 39a-c WpUeG — Squeeze-Out nach Uebernahme; Ausschluss Minderheit; Gerichtliches Spruchverfahren
- §§ 327a-f AktG — aktienrechtlicher Squeeze-Out; Hauptgesellschafter 95 %; angemessene Barabfindung; Spruchverfahren
- §§ 33 ff. WpHG — Stimmrechtsmitteilungen; Schwellenwerte 5, 10, 15, 20, 25, 30, 50, 75 %
- Art. 17 MAR — Ad-hoc-Publizität; unverzüglich; Aufschub möglich (Insider-Liste), nationale Sanktionen nach WpHG
- Art. 14-16 MAR — Insiderhandelsverbot; Marktmanipulation
- § 39 BoeRsG / DelistingVO — Delisting; Pflichtangebot und Mindestpreis auch beim Rueckzug
Aktuelle Rechtsprechung
- Rechtsprechung: keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren.
- BaFin, Bescheid vom 27.01.2023 (veroeffentl. BaFin-Jahresbericht 2023) — Pflichtangebot: Erwerb von Stimmrechten durch Konsortium als gemeinsam handelnde Person iSd § 2 V WpUeG; Zusammenrechnung der Anteile
Quellenregel
Quellenregel: Keine Kommentar-, Handbuch- oder Aufsatzfundstellen aus Modellwissen; Literatur nur mit Nutzerquelle oder lizenziertem Live-Zugriff.
Prozessablauf: Oeffentliches Uebernahmeangebot (WpUeG)
| Phase | Inhalt | Norm | Frist | |---|---|---|---| | 1 | Voranmeldung (obligatorisch) | § 10 WpUeG | Unverzueglich nach Entscheidung | | 2 | Angebotsunterlage erstellen | §§ 11-14 WpUeG | Innerhalb 4 Wochen nach Voranmeldung | | 3 | BaFin-Einreichung und -Pruefung | § 14 WpUeG | BaFin: 10 Werktage Pruefung | | 4 | Veroeffentlichung Angebot | § 14 WpUeG | Unverzueglich nach BaFin-Freigabe | | 5 | Annahmefrist | § 16 WpUeG | Mindestens 4 Wochen; max. 10 Wochen | | 6 | Weitere Annahmefrist | § 16 II WpUeG | 2 Wochen nach Vollzug | | 7 | Vollzug | § 23 WpUeG | Veroeffentlichung Ergebnis; Kaufpreis-Zahlung | | 8 | Squeeze-Out (falls 95 %) | §§ 39a-c WpUeG | Antrag beim Landgericht |
Pflichtangebot: Mindestpreis-Regelung (§ 31 WpUeG)
- Mindestpreis = hoeher von: (a) volumengewichteter Durchschnittskurs der letzten 3 Monate und (b) hoechster Preis, den Bieter in letzten 6 Monaten gezahlt hat
- BaFin prueft Berechnung und veroeffentlicht Mindestpreis
- Fairness Opinion nicht gesetzlich vorgeschrieben aber Marktpraxis bei grosseren Deals
Squeeze-Out: §§ 327a-f AktG vs. §§ 39a-c WpUeG
| Merkmal | AktG §§ 327a-f | WpUeG §§ 39a-c | |---|---|---| | Schwelle | 95 % Grundkapital und Stimmrechte | 90 % Stimmrechte nach Uebernahme | | Beschluss | HV-Beschluss erforderlich | Gerichtliches Verfahren | | Abfindung | Barabfindung; IDW S1-Pruefung | Mindestpreis aus Angebot (wenn angemessen) | | Spruchverfahren | SpruchG | SpruchG | | Bekaempfbarkeit | Anfechtungsklage; dann Freigabeverfahren | Geringere Anfechtbarkeit |
Ad-hoc-Publizitaet: MAR-Analyse (Art. 17 MAR)
Im Public M&A ist jede kursrelevante Information potenzielle Ad-hoc. Kursrelevant ist Information, wenn ein verstaendiger Anleger sie bei seiner Investitionsentscheidung beruecksichtigen wuerde.
Aufschub (Art. 17 IV MAR): Emittent kann Veroeffentlichung zulaessig aufzuschieben, wenn:
- Unverzuegliche Offenlegung berechtigte Interessen schaedigt (z.B. laufende Verhandlungen)
- Kein Irrefuehrungs-Risiko
- Geheimhaltung sichergestellt (Insider-Liste gepflegt)
Beim Signing des SPA: Pflicht zur sofortigen Ad-hoc-Meldung (kein Aufschub mehr moeglich).
Schritt-fuer-Schritt-Workflow
Vorab: Der untenstehende Workflow ist die typische Standardlinie. Wenn die Mandantenlage abweicht (siehe "Strategische Optionen" oben), sind die Schritte entsprechend zu verkuerzen, umzustellen oder durch ein anderes Skill zu ersetzen — der Workflow ist Leitfaden, nicht Pflichtprogramm.
- Strukturanalyse — Kontrollschwelle, Stimmrechtsanteile; Pflichtangebot-Pflicht abchecken
- Insider-Management — Insider-Liste anlegen; Kommunikations-Protokoll; Marktmissbrauchs-Risiko
- Angebotsstruktur festlegen — Gegenleistung (Cash, Aktien, Mix); Angebotspreis; Mindestannahme-Quote
- Voranmeldung BaFin — § 10 WpUeG; unverzueglich nach Vorstandsentscheidung
- Angebotsunterlage — nach §§ 11-14 WpUeG; BaFin-Muster; Fairness Opinion beschaffen
- Gegengesellschaft-Statement — Zielgesellschaft muss binnen 2 Wochen Stellungnahme abgeben (§ 27 WpUeG)
- BaFin-Pruefung — Kooperation; Rueckfragen beantworten; ggf. Nachbesserung
- Veroeffentlichung und Annahmefrist — Boersenbekanntmachung; Aktionaer-Information
- Ergebnis-Veroeffentlichung — Annahmequote; Vollzug; Weitere Annahmefrist
- Squeeze-Out-Analyse — wenn >90 % (WpUeG) oder >95 % (AktG): Ausschluss-Verfahren einleiten
Strategische Optionen (vor dem Template entscheiden)
Bevor das Template eins-zu-eins gefuellt wird, ist zu pruefen welche Variante zur Mandantenkonstellation passt. Das Template ist eine moegliche Form — nicht die einzige.
| Konstellation | Empfohlener Weg | |---|---| | Standard — oeffentliches Uebernahmeangebot nach WpUeG | Prozessablauf und Ad-hoc-Meldung nach Template unten | | Variante A — Pflichtangebot ausgeloest (30-Prozent-Schwelle) | Mindestpreisberechnung § 31 WpUeG priorisieren | | Variante B — feindliche Uebernahme | Abwehrmassnahmen (Poison Pill etc.) evaluieren | | Variante C — MAR-Insiderkontrolle vorrangig | Ad-hoc-Pflicht zeitlich sichern; Insiderlisten anlegen |
Wenn die Mandantenkonstellation nicht ins Standardschema passt, ist das Template anzupassen oder durch ein anderes Skill abzuloesen — nicht das Mandat in das Schema zu pressen.
Output-Template Ad-hoc-Meldung (Auszug)
Adressat: Kapitalmarkt / BaFin / Boersenpublikum — Tonfall kurz, kursrelevant
AD-HOC-MITTEILUNG
gemaess Art. 17 MAR
[EMITTENT]
[SITZ]
[WKN / ISIN]
[DATUM], [UHRZEIT]
[FIRMA] hat heute einen Share Purchase Agreement ueber den Erwerb von [X] % der Anteile
an [ZIELGESELLSCHAFT] unterzeichnet. Das Transaktionsvolumen betraegt ca. [EUR].
Die Transaktion steht unter dem Vorbehalt der fusionskontrollrechtlichen Freigabe und
weiterer ueblicher Vollzugsbedingungen. Der Vollzug wird fuer [QUARTAL] erwartet.
[FIRMA]
[KONTAKT]
--- vor Versand klaeren ---
- Welches Verhandlungsziel hat der Mandant? [Bestand / Abfindung / Reputation / Schnelle Loesung]
- Welche Kompromisslinien sind absolut? [Mindestabfindung / Freistellung / Zeugnisformulierung]
- Sind Anschlusswege erwuenscht? [Mediation / Direktgespraech / Settlement vor Klageerhebung]
Rote Schwellen
- Pflichtangebot-Schwelle (30 %) ueberschritten ohne Veroeffentlichung → WpUeG-Verstos; BaFin-Massnahmen
- Ad-hoc-Meldung verzoegert nach Signing → Art. 17 MAR; Bussgeld bis 15 Mio. EUR oder 2.5 % Weltumsatz
- Insider-Liste unvollstaendig → Art. 18 MAR; Compliance-Risiko bei Insiderhandel-Vorwurf
- Squeeze-Out-Abfindung unangemessen → Spruchverfahren; Nachbesserungspflicht
- Voranmeldung vergessen (§ 10 WpUeG) → BaFin-Bussgeld