Freistehende Liquiditätsvorschau
Kernsachverhalt
Die Liquiditätsvorschau ist das zentrale Instrument zur Beurteilung der kurzfristigen Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens. In M&A-Transaktionen dient sie dem Käufer zur Risikoeinschätzung (Distressed M&A, Going-Concern-Prüfung), dem Verkäufer zur Darstellung der Finanzkraft und dem Vorstand als Instrument zur Erfüllung der Antragspflicht (§ 15a InsO). In Krisenszenarien ist die 3-Wochen-Vorschau der maßgebliche Indikator für Zahlungsunfähigkeit (§ 17 InsO). Die 13-Wochen-Cash-Bridge ist Standard in Distressed-M&A-Prozessen und wird von Banken, Restrukturierungsberatern und Gerichten als Planungsgrundlage verlangt. Fehler in der Liquiditätsvorschau führen zu falschen Managemententscheidungen, Haftungsrisiken und — im schlimmsten Fall — zur Insolvenzverschleppung.
Kaltstart-Rückfragen
- Welcher Planungshorizont ist erforderlich — 3 Wochen (Zahlungsunfähigkeitsprüfung), 13 Wochen (Cash-Bridge), 26 oder 52 Wochen (Runway, Going Concern)?
- Welche Datenquellen stehen zur Verfügung — Bankkontoauszüge (aktuell), OPOS Kreditoren, OPOS Debitoren, Lohnliste, Steuerbescheide, Mietverträge, Kreditverträge?
- Existiert ein Management Forecast? Wie plausibel ist er angesichts der Bankdaten und OPOS?
- Gibt es Cash Pools, Treuhandkonten, Intercompany-Forderungen oder gebundene Konten, die nicht frei verfügbar sind?
- Bestehen Zahlungsstockungen, Rücklastschriften, Covenants-Verletzungen oder Kreditkündigungen?
- Handelt es sich um eine Krisenprüfung (§§ 17–19 InsO) oder um eine normale Buy/Sell-Side-DD?
- Welche Szenarien sollen modelliert werden — Base Case, Downside, No-Funding-Case, Closing Delay?
- Wer empfängt die Vorschau — internes Board Paper, externe Banken, Insolvenzgericht, DD-Bericht?
- Was will der Mandant wirklich erreichen? (Nicht: was steht im Standardweg, sondern: welches Ergebnis ist fuer den Mandanten persoenlich/wirtschaftlich das beste? Manchmal ist der schnellere Vergleich besser als der formal "richtige" Weg.)
Rechtsgrundlagen
Normtexte
| Norm | Regelungsinhalt (Auszug) | |---|---| | § 17 InsO | Zahlungsunfähigkeit: Schuldner nicht in der Lage, fällige Zahlungspflichten zu erfüllen; bei mehr als 10 % Liquiditätslücke über 3 Wochen in der Regel anzunehmen | | § 18 InsO | Drohende Zahlungsunfähigkeit: voraussichtlich nicht in der Lage, Verbindlichkeiten bei Fälligkeit zu erfüllen (Prognosezeitraum 24 Monate für StaRUG) | | § 19 InsO | Überschuldung: Vermögen deckt Verbindlichkeiten nicht; Fortbestehensprognose als Korrektiv | | § 15a InsO | Antragspflicht des Geschäftsführers / Vorstands; Frist 3 Wochen (Zahlungsunfähigkeit) / 6 Wochen (Überschuldung) | | § 15b InsO | Zahlungsverbote nach Insolvenzreife; Haftung für masseschmälernde Zahlungen; Rückforderungsanspruch des Insolvenzverwalters | | §§ 91, 91a AktG; § 43 GmbHG | Pflicht zur Einrichtung eines Frühwarnsystems; Geschäftsführerhaftung bei Pflichtverletzung | | § 321a HGB | Berichtspflicht des Abschlussprüfers über bestandsgefährdende Risiken |
Leitentscheidungen
| Gericht | Az. | Datum | Leitsatz (kurz) | |---|---|---|---| | Rechtsprechung live prüfen | Live-Verifikation erforderlich | - | keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Datum, Aktenzeichen und Aussage protokollieren | | IDW S 11 | — | 2022 | IDW-Standard zur Beurteilung des Vorliegens von Insolvenzeröffnungsgründen; Methodik Liquiditätsstatus und Fortbestehensprognose | | Rechtsprechung live prüfen | Live-Verifikation erforderlich | - | keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Datum, Aktenzeichen und Aussage protokollieren |
Prüfschema Liquiditätsvorschau
Vorab: Der untenstehende Workflow ist die typische Standardlinie. Wenn die Mandantenlage abweicht (siehe "Strategische Optionen" oben), sind die Schritte entsprechend zu verkuerzen, umzustellen oder durch ein anderes Skill zu ersetzen — der Workflow ist Leitfaden, nicht Pflichtprogramm.
| Schritt | Prüfungspunkt | Inhalt | Ergebnis | |---|---|---|---| | 1 | Startliquidität bestimmen | Bankkontoauszüge (Stichtag); Cash Pools (nur freier Anteil); Treuhandkonten separat; Intercompany: Rückforderungsrisiko prüfen | Startliquidität EUR [X] | | 2 | Fällige Verbindlichkeiten (OPOS Kreditoren) | Fälligkeitsliste aus OPOS: Lieferanten, Mieten, Löhne, Steuern, Sozialversicherung, Debt Service, Litigation-Rückstellungen | Auszahlungsplan erstellt | | 3 | Erwartete Einzahlungen (OPOS Debitoren) | Forderungsbestand, Fälligkeit, Ausfallwahrscheinlichkeit, Zahlungsverhalten der Top-5-Kunden | Einzahlungsplan erstellt | | 4 | 3-Wochen-Vorschau | Woche 1–3: Anfangsbestand, Einzahlungen, Auszahlungen, Endbestand, Deckungslücke, Ampel | Ampel: grün / gelb / rot | | 5 | 13-Wochen-Cash-Bridge | Wochen 1–13: Detailplanung je Woche; Brückenfinanzierungsbedarf identifizieren | Bridge-Bedarf EUR [X] | | 6 | 26-/52-Wochen-Runway | Monatliche Planung; Going-Concern-Horizont; Board-Paper-Grundlage | Runway: [X] Monate | | 7 | Szenarien modellieren | Base Case, Downside (Umsatzrückgang -20 %), No-Funding-Case, Closing Delay | Szenario-Tabelle | | 8 | SPA-Liquiditätsprüfung | Locked Box vs. Completion Accounts; Net Debt-Definition; Cash-like Items, Debt-like Items; Working Capital-Mechanik | SPA-Liquidität klar | | 9 | Covenant- und MAC-Check | Bank-Covenants, Financial Covenants, MAC-Klausel; Default-Risiko identifizieren | Covenant-Status | | 10 | Management-Forecast-Plausibilisierung | Forecast vs. Bankdaten; historische Abweichungen; unrealistische Annahmen markieren | Forecast-Qualität bewertet | | 11 | Passiva II sichtbar machen | Eventualverbindlichkeiten, Bürgschaften, Patronatserklärungen, Pensionsrückstellungen | Passiva II dokumentiert | | 12 | Steuer- und SV-Rückstand prüfen | Rückstände Finanzamt, Krankenkassen, Berufsgenossenschaft; Vollstreckungsrisiko | Steuer/SV-Status | | 13 | Quellenlog und Annahmenbuch | Jede Zahl belegen; unklare Posten als TODO mit Owner und Frist | Quellenlog vollständig | | 14 | Insolvenzreife-Schwelle prüfen | Bei Liquiditätslücke > 10 % über 3 Wochen: § 17 InsO; → Übergabe an grosskanzlei-ma-insolvenzreife | Schwellen klar | | 15 | Freigabe und Senior Review | Board Paper-Version; Senior-Review-Gate; Human-in-the-loop-Eskalation | Freigabe dokumentiert |
Beweislast
| Beweisthema | Beweislastträger | Beweismittel | |---|---|---| | Zahlungsunfähigkeit (§ 17 InsO) | Insolvenzverwalter / Gläubiger | Bankkontoauszüge, OPOS-Listen, Liquiditätsstatus | | Drohende Zahlungsunfähigkeit (§ 18 InsO) | Schuldner (Antragsteller) | Management Forecast, Finanzmodell, Gutachter | | Plausibilität der Fortbestehensprognose | Geschäftsführung | Auftragsbestand, Finanzierungszusagen, Budgetplanung | | Masseschmälernde Zahlung (§ 15b InsO) | Insolvenzverwalter | Buchungsbelege, Überweisungsbelege, Zeitpunkt der Insolvenzreife |
Fristen und Verjährung
| Fristtyp | Dauer | Norm | Hinweis | |---|---|---|---| | Antragspflicht bei Zahlungsunfähigkeit | 3 Wochen | § 15a Abs. 1 InsO | Absolute Frist; kein Aufschub | | Antragspflicht bei Überschuldung | 6 Wochen | § 15a Abs. 1 InsO | Bei positiver Fortbestehensprognose kein Antrag nötig | | § 15b-Haftung | Verjährung 3 Jahre ab Kenntnis | §§ 195, 199 BGB | Insolvenzverwalter geltend machen | | Insolvenzanfechtung (§§ 130–134 InsO) | 1, 4, 10 Jahre je nach Tatbestand | §§ 130–134 InsO | Rückforderungsansprüche des Insolvenzverwalters |
Typische Gegenargumente
| Argument | Erwiderung | |---|---| | Rechtsprechung live prüfen | keine Entscheidung aus Modellwissen; Quelle vor Ausgabe protokollieren | | Rechtsprechung: keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren. | Forecast zeigt Erholung in 6 Monaten | Für § 17 InsO zählt nur aktuelle Fälligkeit; Erh