Freistehende Liquiditätsvorschau (Mittelstand)
Kernsachverhalt
Im Mittelstand fehlt häufig ein professionelles CFO-Office oder Treasury. Liquiditätsvorschauen werden oft nur als monatliche Bankstimmung oder als BWA-Kommentar geführt — nicht als strukturierte rollierende Planung. Genau dies ist das Einfallstor für Insolvenzverschleppung: Der Gesellschafter-Geschäftsführer bemerkt die Zahlungsunfähigkeit zu spät oder hält die Zahlungsstockung für vorübergehend, ohne OPOS und Bankdaten systematisch abzugleichen. In M&A-Prozessen ist die Liquiditätsvorschau darüber hinaus Bestandteil der Kaufpreisfindung (Locked-Box vs. Completion Accounts, Net-Debt-Definition) und der Closing Conditions. Dieser Skill liefert das Werkzeug, um Mittelstandsliquidität schnell, transparent und revisionssicher zu planen.
Kaltstart-Rückfragen
- Welcher Planungshorizont ist erforderlich — 3 Wochen (Krisencheck), 13 Wochen (Cash-Bridge), 12 Monate (Businessplan)?
- Welche Datenquellen stehen zur Verfügung — Bankkontoauszüge, OPOS Kreditoren/Debitoren, Lohnliste, BWA, Jahresabschlüsse?
- Wurde die BWA mit dem Buchhalter / Steuerberater abgeglichen? Gibt es Buchungslücken (z.B. fehlende Rückstellungen, noch nicht verbuchte Rechnungen)?
- Bestehen Kontokorrentkredite, Betriebsmittellinien oder Hausbank-Darlehen? Laufen Covenants?
- Gibt es Steuerrückstände, Rücklastschriften oder laufende Vollstreckungsankündigungen?
- Handelt es sich um eine normale DD-Situation oder um einen Krisenfall (drohende Zahlungsunfähigkeit)?
- Sollen Kaufpreiskomponenten (Locked Box, Net Debt, Working Capital) in die Vorschau eingebaut werden?
- Wer empfängt die Vorschau — interne Nutzung, Hausbank, Käufer-DD, Insolvenzgericht?
- Was will der Mandant wirklich erreichen? (Nicht: was steht im Standardweg, sondern: welches Ergebnis ist fuer den Mandanten persoenlich/wirtschaftlich das beste? Manchmal ist der schnellere Vergleich besser als der formal "richtige" Weg.)
Rechtsgrundlagen
Normtexte
| Norm | Regelungsinhalt (Auszug) | |---|---| | § 17 InsO | Zahlungsunfähigkeit: Schuldner nicht in der Lage, fällige Zahlungspflichten zu erfüllen; > 10 % Liquiditätslücke über 3 Wochen in der Regel anzunehmen | | § 18 InsO | Drohende Zahlungsunfähigkeit: voraussichtlich nicht in der Lage, Verbindlichkeiten bei Fälligkeit zu erfüllen; StaRUG-Öffner | | § 19 InsO | Überschuldung: Passiva > Aktiva; Fortbestehensprognose als Korrektiv | | § 15a InsO | Antragspflicht: 3 Wochen (Zahlungsunfähigkeit), 6 Wochen (Überschuldung); GmbH-GF haftet persönlich | | § 15b InsO | Zahlungsverbote nach Insolvenzreife; persönliche Haftung des Geschäftsführers | | § 43 GmbHG | Sorgfaltspflicht des Geschäftsführers; Pflicht zur Liquiditätsüberwachung | | § 264 HGB | Jahresabschluss muss tatsächliche Verhältnisse widerspiegeln; Going-Concern-Pflicht | | § 252 Abs. 1 Nr. 2 HGB | Fortführungsprinzip: Jahresabschluss ist unter Going-Concern-Annahme aufzustellen, wenn Fortbestand nicht zweifelhaft ist |
Leitentscheidungen
| Gericht | Az. | Datum | Leitsatz (kurz) | |---|---|---|---| | Rechtsprechung live prüfen | Live-Verifikation erforderlich | - | keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Datum, Aktenzeichen und Aussage protokollieren |
Prüfschema Liquiditätsvorschau (Mittelstand)
Vorab: Der untenstehende Workflow ist die typische Standardlinie. Wenn die Mandantenlage abweicht (siehe "Strategische Optionen" oben), sind die Schritte entsprechend zu verkuerzen, umzustellen oder durch ein anderes Skill zu ersetzen — der Workflow ist Leitfaden, nicht Pflichtprogramm.
| Schritt | Prüfungspunkt | Inhalt | Ergebnis | |---|---|---|---| | 1 | Startliquidität | Bankkontoauszüge (aktuell); Kontokorrentkredit verfügbar? Betrag und Limit; Dispositionsrahmen | Startliquidität EUR [X] | | 2 | OPOS Kreditoren | Offene Rechnungen Lieferanten; fällig heute, < 2 Wochen, 2–4 Wochen; Mahnungen, Vollstreckungsankündigungen | Auszahlungsliste | | 3 | OPOS Debitoren | Offene Forderungen; Fälligkeit; Zahlungsverhalten; Ausfallrisiko; Skonto-Abzüge | Einzahlungsliste | | 4 | Löhne und Gehälter | Nächste Lohnzahlung: Datum und Betrag; SV-Abgaben folgerichtig | Lohntermin | | 5 | Steuern und Abgaben | Umsatzsteuer (Fälligkeit 10./25. des Folgemonats); Körperschaftsteuer; Lohnsteuer; Rückstände | Steuer-Fälligkeiten | | 6 | Bankschulden / Debt Service | Tilgungsraten, Zinsen; Fälligkeit; Covenant-Übersicht | Debt-Service-Kalender | | 7 | 3-Wochen-Vorschau | Woche 1–3: Anfangsbestand, Einzahlungen, Auszahlungen, Endbestand, Deckungslücke, Ampel | Ampel: grün / gelb / rot | | 8 | 13-Wochen-Cash-Bridge | Wochen 1–13: Brückenfinanzierungsbedarf; Saisonalität einbeziehen | Bridge-Bedarf EUR [X] | | 9 | Szenarien | Base Case, Downside (Forderungsausfälle +20 %), No-Funding-Case | Szenarien dokumentiert | | 10 | BWA-Plausibilisierung | Monatliche BWA vs. Bankdaten; Buchungslücken; Abgrenzungen; Rückstellungen | Abweichungen markiert | | 11 | Net Debt / Working Capital (DD) | Netto-Verschuldung; Working-Capital-Definition laut SPA; Stichtagsbereinigungen | SPA-Zahlen klar | | 12 | Steuerberater-Loop | BWA und OPOS mit Steuerberater abgleichen; Steuerschätzungen validieren | Steuerberater bestätigt | | 13 | Quellenlog | Jede Zahl mit Quelle (Kontoauszug, OPOS, Lohnliste, BWA) belegen | Quellenlog vollständig | | 14 | Insolvenzreife-Schwelle | Bei roter Ampel: § 17 InsO-Prüfung; → mittelstand-ma-insolvenzreife | Schwelle dokumentiert | | 15 | Freigabe | GF-Bestätigung; Steuerberater-Gegenzeichnung bei Krisenfall; Kanzlei-Dokumentation | Freigabe erteilt |
Beweislast
| Beweisthema | Beweislastträger | Beweismittel | |---|---|---| | Zahlungsunfähigkeit (§ 17 InsO) | Insolvenzverwalter | Bankkontoauszüge, OPOS, Lohnnachweise | | Fortbestehensprognose (§ 19 InsO) | Geschäftsführer | Businessplan, Finanzierungszusagen, Auftragsbestand | | Kenntnis der Insolvenzreife | Insolvenzverwalter | BWA, GF-Protokolle, Steuerberaterkorrespondenz | | Masseschmälernde Zahlung | Insolvenzverwalter | Buchungsbelege, Stichtag der Insolvenzreife |
Fristen und Verjährung
| Fristtyp | Dauer | Norm | Hinweis | |---|---|---|---| | Antragspflicht — Zahlungsunfähigkeit | 3 Wochen | § 15a Abs. 1 InsO | Absolute Frist; strafrechtliche Relevanz | | Antragspflicht — Überschuldung | 6 Wochen | § 15a Abs. 1 InsO | Nur bei negativer Fortbestehensprognose | | § 15b-Haftung | 3 Jahre ab Kenntnis | §§ 195, 199 BGB | GmbH-GF persönlich | | USt-Voranmeldung | 10. / 25. des Folgemonats | §§ 18, 21 UStG | Säumniszuschlag bei Verspätung |
Typische Fehler im Mittelstand
| Fehler | Konsequenz | Abhilfe | |---|---|---| | BWA ohne Rückstellungen | Überoptimistisches Liquiditätsbild | Rückstellungen regelmäßig nachtragen | | Kontokorrentkredit als "Eigenkapital" | Zahlungsunfähigkeit wird kaschiert | Kontokorrentkredit ist Verbindlichkeit; Limit-Auslastung überwachen | | Kundenzahlung erwartet, aber nicht OPOS-belegt | Einzahlung in Vorschau zu optimistisch | Nur vertraglich fällige, plausible Einzahlungen ansetzen | | Steuerberater meldet nur rückblickend | Frühwarnung fehlt | Wöchentliche Liquiditätsabstimmung einrichten | | Lohnzahlung auf letztem Kontoauszug | 3-Wochen-Frist für Zahlunsunfähigkeit bereits abgelaufen | Lohntermin immer in Woche 1 einplanen |
Strategische Optionen (vor dem Template entscheiden)
Bevor das Template eins-zu-eins gefuellt wird, ist zu pruefen welche Variante zur Mandantenkonstellation passt. Das Template ist eine moegliche Form — nicht die einzige.
| Konstellation | Empfohlener Weg | |---|---| | Standard — Liquiditaetsvorschau fuer Mittelstand erstellen | Vorschau nach Schema; Schriftsatz unten | | Variante A — Kurzfristige Engpaesse 4-Wochen-Vorschau | Kurzfrist-Vorschau als Subset; Kreditlinien pruefen | | Variante B — Mandant will Banken Vorschau zeigen | Banken-freundliche Darstellung; Stresstest ergaenzen | | Variante C — Saisonales Unternehmen