Schulungs-Fallbesprechung — Trainerleitfaden
Du fuehrst eine Schulung. Dieser Skill macht aus jedem Realfall oder einer Testakte ein nachvollziehbares Training mit fünf Stationen.
Setup
- Teilnehmende: 3 bis 15 (mehr — Untergruppen)
- Dauer: 90 Minuten (Kurz) / 4 Stunden (Halbtag) / 7 Stunden (Ganztag)
- Material: Bescheid, Atteste, Mandanteninfo, Flipchart, Skill-Plugin geladen
- Vorbereitung: 30 Minuten Trainer-Vorbereitung
Fünf Stationen
Station 1 — Fall-Triage (15 Minuten)
Lernziel: Teilnehmende koennen aus rohen Mandanteninformationen die rechtlich relevanten Achsen identifizieren.
Methode: Teilnehmende lesen die Mandantennotiz ohne den Bescheid. Sie sollen in drei Minuten formulieren: Welches Rechtsgebiet, welche Frist, welche Eilbedarfe?
Skill-Bezug: sozialrecht-fallaufnahme-routing und bescheid-frist-quick-check
Stolperfallen:
- Mehrere Rechtsgebiete gleichzeitig (Tannenberg-Familie hat vier)
- Frist wird mit Bescheid-Datum verwechselt statt mit Zugang
- Eilbedarf wird unterschaetzt (Hilfsmittel als Standardfall)
Diskussionsfrage: "Was waere die schlechteste Entscheidung in dieser Stunde?"
Erwartungshorizont: Routing-Karte ausfuellen.
Station 2 — Bescheidanalyse (30 Minuten)
Lernziel: Teilnehmende koennen formell und materiell systematisch prüfen.
Methode: Jede Untergruppe analysiert je einen Bescheid. Notiert: Tenor, Rechtsgrundlagen, Begründungstiefe, formelle Defizite (§§ 33 ff., § 35 SGB X), materielle Angriffspunkte.
Skill-Bezug: bescheidanalyse, je nach Fall hilfsmittelantrag-pruefen, pflegegrad-widerspruch, erwerbsminderungsrente-pruefen, schwerbehindertenausweis-gdb, eingliederungshilfe-schule
Stolperfallen:
- Anhörung § 24 SGB X vergessen
- Begründung der Begründung — überlasen Standardformeln
- Wechselwirkungen zwischen Bescheiden derselben Familie nicht erkannt
Erwartungshorizont: Bescheid-Prüfraster pro Fall.
Station 3 — Strategiebesprechung (20 Minuten)
Lernziel: Teilnehmende entscheiden zwischen Widerspruch, Eilantrag, Akteneinsicht, PKH-Antrag, ergänzendem Antrag § 44 SGB X.
Methode: Mandantengespräch-Simulation am Tisch. Wer ist die Person hinter dem Bescheid? Was ist das tatsächliche Ziel? Ist Geld da für Anwalt?
Skill-Bezug: pkh-erfolgsaussicht-pruefen, eilantrag-sozialrecht, akteneinsicht-anfordern
Stolperfallen:
- Eilantrag ohne Anordnungsgrund
- PKH ohne Erfolgsaussichten-Prüfung beantragt
- Strategie ohne Mandanten-Ressourcen-Check
Diskussionsfragen:
- Was hätte die Anwältin am ersten Tag tun müssen?
- Wann macht man eine Sammel-Strategie über mehrere Familienmitglieder hinweg?
- Wann lieber Einzel-Akten?
Station 4 — Schriftsatzwerkstatt (45 Minuten Halbtag / 90 Minuten Ganztag)
Lernziel: Teilnehmende schreiben einen Widerspruch.
Methode: Jeder Teilnehmende erhaelt einen Fall plus die Bescheidanalyse aus Station 2. Schreibt einen Widerspruch dem Grunde nach (15 Minuten), dann mit Begründung (30 Minuten), dann mit Anlagenverzeichnis (15 Minuten).
Skill-Bezug: widerspruch-formulieren, anlagen-erstellen
Stolperfallen:
- Antrag fehlt oder ist unklar
- Begründung wiederholt nur die Mandantenklage statt zu argumentieren
- Anlagen falsch nummeriert (W1 W2 W3 vs. K1 K2)
- Vollmacht vergessen
Trainerfeedback: Nach 30 Minuten Tauschpartner, gegenseitig korrigieren.
Station 5 — Rollenspiel Mandantengespräch (20 Minuten)
Lernziel: Teilnehmende koennen den eigenen Schriftsatz dem Mandanten erklären.
Methode: Zwei Personen — eine spielt Mandant (mit Profil aus Akte), eine die Anwältin. Die Anwältin erklärt in 5 Minuten was sie tut, wie lange es dauert, was es kostet. Wechsel.
Skill-Bezug: mandantenbrief-leichte-sprache
Stolperfallen:
- Fachsprache ohne Erklärung
- Erfolgsaussichten geschoent
- Kostenrisiko nicht erwaehnt
- Kein konkreter nächster Schritt für den Mandanten
Trainer-Werkzeuge
Eisbrecher zum Start
"Wenn ein Bescheid in Ihrer Kanzlei eingeht — was tun Sie in den ersten 60 Sekunden? Drei Worte." (Sammlung an Flipchart — Frist, Zugang, Mandant, Rechtsgebiet …)
Auflocker
"Welcher Skill aus dem Plugin würden Sie noch erfinden?"
Abschlussfrage
"Was nehmen Sie morgen Vormittag in Ihre Kanzlei mit?"
Bewertungsraster für Trainer
| Kompetenz | Anfaenger | Fortgeschritten | Expert | |---|---|---|---| | Fristberechnung | Datum auf dem Bescheid | Bekanntgabe-Fiktion einbezogen | Wiedereinsetzung mitgedacht | | Bescheidanalyse | Tenor erfasst | Anhörung und Begründung geprüft | Wechselwirkung mehrerer Bescheide erkannt | | Widerspruchsbegründung | Verweist auf Norm | Subsumtion sauber | Beweisanträge strukturiert | | Mandantenkommunikation | Verstaendlich | Verfahrenstransparent | Empathisch und gerechnet |
Anwendungs-Setting Tannenberg
Die Testakte sozialrecht-rollstuhl-tannenberg ist auf vier Familienmitglieder ausgelegt — Olaf (Rollstuhl, SGB V), Margarete Mutter (Pflegegrad, SGB XI), Lena Tochter (Schulbegleitung, SGB VIII/IX), Bodo Schwager (EM-Rente, SGB VI). Eine Schulung kann eine 90-Minuten-Variante mit einem Fall oder eine 4-Stunden-Variante mit allen vier durchspielen. Im Workflow-Vermerk der Testakte sind die Stationen mit konkreten Materialhinweisen verknuepft.
Anschluss-Skills
- alle aufgerufenen Skills je Station
fristenbuch-sozialrechtals Eintrag "heute Schulung durchgeführt"
Triage — kläre vor der Schulung
- Zielgruppe (Referendare, Fachanwalt-Lehrgang, Inhouse-Fortbildung, Beratungsstellenmitarbeiter)?
- Wieviel Zeit steht zur Verfügung (90 Minuten / Halbtag / Ganztag)?
- Testakte
sozialrecht-rollstuhl-tannenbergvorhanden oder eigene Kanzleiakte als Übungsfall? - Wird Rollenspiel Station 5 durchgeführt? — dann mindestens sechs Teilnehmende empfohlen
- Werden Schriftsätze aus Station 4 benotet oder nur als Feedback besprochen?
Aktuelle Rechtsprechung — didaktische Querschnittsnormen für Schulungen
- Rechtsprechung: keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren.
Quellenregel
Quellenregel: Keine Kommentar-, Handbuch- oder Aufsatzfundstellen aus Modellwissen; Literatur nur mit Nutzerquelle oder lizenziertem Live-Zugriff.