Betriebsstaette nach Art. 5 OECD-MA (mit BEPS und MLI)
Kernsachverhalt
Die Betriebsstaette ist der Aufhaenger fuer das Besteuerungsrecht am Unternehmensgewinn (Art. 7 MA). Ihre Reichweite wurde durch BEPS Aktion 7 und das MLI deutlich erweitert: Vertreterbetriebsstaette wird auch durch Provisionsmodelle und Marktmittler ausgeloest; Hilfs- und Vorbereitungstaetigkeiten muessen "vom Charakter her" Vorbereitungs- bzw. Hilfstaetigkeit sein; Anti-Fragmentierungsregelungen verhindern Aufsplittung. Dieser Skill prueft, ob Betriebsstaette vorliegt und welche Gewinne ihr zuzurechnen sind.
Kaltstart-Rueckfragen
- Welche Art von Aktivitaet liegt im anderen Staat vor (Vertrieb, Produktion, Bauausfuehrung, IT, Lager, Mitarbeiterentsendung)?
- Existiert dort eine feste Geschaeftseinrichtung (Buero, Werkstatt, Geschaeftsstelle, Server)?
- Wie lang dauert die Aktivitaet (Bauausfuehrung 12 Monate, in vielen DBA abweichend — Schweiz/Oesterreich/Frankreich auch 9 oder 6 Monate)?
- Ist Personal vor Ort, mit welchen Vollmachten?
- Werden Vertraege mit Mandantenkunden vor Ort abgeschlossen oder regelmaessig vorbereitet?
- Ist das DBA durch MLI angepasst (Anti-Fragmentierung Art. 13 MLI, erweiterte Vertreterbetriebsstaette Art. 12 MLI)?
- Liegt eine Home-Office-Konstellation vor (Pandemie-Folgeregelungen oder Dauerregelung)?
- Wer ist Auftraggeber, wer Auftragnehmer, wie laufen Rechnungen?
Rechtlicher Rahmen
Primaernormen
- Art. 5 OECD-MA 2017 — Betriebsstaettenbegriff.
- § 12 AO — innerstaatlicher Betriebsstaettenbegriff (weitergehend als DBA — bei Anwendungskonkurrenz DBA).
- § 13 AO — staendiger Vertreter.
- § 49 EStG — beschraenkte Steuerpflicht inkl. Betriebsstaetten-Tatbestand.
- § 1 Abs. 5 AStG — Gewinnabgrenzung Betriebsstaette (AOA — Authorised OECD Approach).
- Betriebsstaettengewinnaufteilungsverordnung (BsGaV) vom 13.10.2014.
- BMF-Schreiben zu Verwaltungsgrundsaetzen Betriebsstaettengewinnaufteilung vom 22.12.2016 (BStBl I 2017, 182) — aktuellen Stand im BMF-Veroeffentlichungsverzeichnis oder in freier amtlicher Quelle pruefen.
- MLI Art. 12, 13, 14, 15 — Anpassungen Betriebsstaette.
Leitentscheidungen und BMF-Schreiben
- Aktuelle BFH-Rechtsprechung zu Server-Betriebsstaette und Home-Office als Betriebsstaette in freier amtlicher Quelle abrufen (BFH I. Senat, Art. 5 OECD-MA).
- Konsultationsvereinbarungen Home-Office 2020/2021 und Folgeregelungen — aktuelle Fassung im BMF-Veroeffentlichungsverzeichnis pruefen.
Tatbestaende Betriebsstaette
Feste Geschaeftseinrichtung (Art. 5 Abs. 1)
- Geschaeftseinrichtung: jeder physische Ort (Buero, Halle, Stand, Sponsorflaeche).
- Festigkeit: raeumlich-funktional fest, also nicht jeden Tag woanders.
- Verfuegungsmacht: Unternehmen kontrolliert den Ort fuer seine Geschaefte.
- Aktivitaet: dort werden Geschaefte ausgefuehrt (Anwesenheit Personal oder automatische Anlagen).
Beispielliste (Art. 5 Abs. 2)
Ort der Leitung, Zweigniederlassung, Geschaeftsstelle, Fabrikationsstaette, Werkstaette, Bergwerk, Quelle.
Bauausfuehrung (Art. 5 Abs. 3)
- OECD-Standard 12 Monate.
- Viele deutsche DBA abweichend (Schweiz 12 Monate Art. 5 DBA-CH, Frankreich 12 Monate, Polen 12 Monate, Oesterreich 12 Monate) — konkret im jeweiligen DBA-Text pruefen.
- Zusammenrechnung verbundener Auftraege moeglich.
Ausnahmekatalog (Art. 5 Abs. 4)
Reine Vorbereitungs- oder Hilfstaetigkeiten begruenden keine Betriebsstaette: Lager, Vorrats- oder Ausstellungszwecke, Wareneinkauf, Informationsbeschaffung. MLI-Anpassung Art. 13 MLI: alle Taetigkeiten muessen "vom Charakter her" Vorbereitungs-/Hilfstaetigkeit sein. Anti-Fragmentierung verhindert Aufsplittung verbundener Taetigkeiten ueber mehrere Standorte.
Vertreterbetriebsstaette (Art. 5 Abs. 5/6)
- Klassisch: abhaengiger Vertreter, der Vollmacht zum Vertragsabschluss hat und sie gewoehnlich ausuebt.
- MLI Art. 12: erweitert auf Personen, die "gewoehnlich die Hauptrolle beim Zustandekommen von Vertraegen" spielen, auch ohne formale Abschlussvollmacht (Provisionsmodelle, Commissionnaires).
- Unabhaengiger Vertreter: Ausnahme nur, wenn wirtschaftlich und rechtlich unabhaengig — MLI verschaerft (verbundene Unternehmen nicht mehr unabhaengig).
Tochter ist nicht automatisch Betriebsstaette (Art. 5 Abs. 7)
- Aber: Faktische Geschaeftsleitung durch Mutter oder Personenidentitaet kann zusaetzlich BS begruenden.
Land-spezifisches
| Land | Bauausfuehrung-Schwelle | Besonderheit |
|---|---|---|
| Schweiz | 12 Monate (DBA) | Pruefung Art. 5 DBA-CH konkret |
| Oesterreich | 12 Monate | Konsultationsvereinbarung Home Office relevant |
| Niederlande | 12 Monate | DBA 2012 (BGBl. 2012 II S. 1414) |
| Polen | 12 Monate | DBA 2003 |
| Frankreich | 12 Monate | aelteres DBA, Protokolle pruefen |
| USA | 12 Monate; Aufsichtstaetigkeit auf Baustelle eigenstaendig | DBA-USA 1989/Protokoll 2006 — konkret im DBA-Text pruefen |
(Alle Zeitangaben verifizierungspflichtig — DBA-Text und MLI-Notification konsultieren.)
Workflow
Phase 1 — Tatbestand Betriebsstaette pruefen
- Feste Geschaeftseinrichtung? Verfuegungsmacht, Festigkeit, Geschaeftstaetigkeit.
- Wenn nicht: Bauausfuehrung mit ausreichender Dauer?
- Wenn nicht: Vertreterbetriebsstaette? Vollmachtsumfang oder Hauptrolle?
- Negative Liste pruefen — Anti-Fragmentierung beachten.
Phase 2 — Gewinnabgrenzung (AOA)
- Functions performed, risks borne, assets used — Function-Risk-Asset-Analysis.
- Dotationskapital ermitteln.
- Dealings interne Geschaeftsbeziehungen markieren.
- Verrechnungspreise nach Fremdvergleichsgrundsatz.
- Dokumentation nach BsGaV.
Phase 3 — Quellensteuer und Steuerverfahren
- Steuererklaerung Betriebsstaettenstaat.
- Anlage AESt (Auslaendische Steuer) Deutschland.
- Vermeidung Doppelbesteuerung: Freistellung oder Anrechnung.
Phase 4 — Compliance
- Anzeigepflicht im Betriebsstaettenstaat (Local Filing).
- Master File / Local File (§ 90 Abs. 3 AO).
- Country-by-Country-Report bei Konzern.
Output
- Betriebsstaetten-Memo mit Subsumtion.
- Gewinnabgrenzungs-Schema (Functions, Risks, Assets, Dotationskapital).
- Hinweis-Liste Compliance-Pflichten beider Staaten.
Strategie und Praxis-Tipps
- Home-Office als Betriebsstaette erfordert Verfuegungsmacht des Arbeitgebers (regelmaessig nicht, da kein Mietverhaeltnis); aktuelle Konsultationsvereinbarungen (z.B. DBA-Oesterreich Home-Office-Memo) im BMF-Verzeichnis pruefen.
- Bei Bauausfuehrung Fristenlauf dokumentieren — Subunternehmer und Verkettungen zaehlen.
- Rechtsprechung: keine Entscheidung aus Modellwissen zitieren; vor Ausgabe über offizielle oder frei zugängliche Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage verifizieren.
- MLI Art. 12 (Vertreterbetriebsstaette erweitert) gilt nur, wenn beide Vertragsstaaten optiert haben — Notification konkret pruefen.
- Bei niedrig besteuerter Betriebsstaette: § 20 Abs. 2 AStG-Switch-Over droht.
Praktiker-Tipps "Schnell zum Bescheid"
- Bauausfuehrungs-Fristenlauf taggenau dokumentieren: Beginn (Vertragsschluss vs. Beginn der Baustelleneinrichtung — letzteres zaehlt im OECD-Kommentar), Unterbrechungen (Winterpause; bei DBA mit aktiviertem MLI Art. 14: 30-Tage-Unterbrechungen werden nicht abgezogen, sofern verbundene Auftraege). Excel-Pflicht.
- Verfuegungsmachts-Schwelle bei Home-Office: Mietvertrag des Arbeitgebers ueber Wohnraum oder dauerhafte Anweisung "ab heute hauptsaechlich Home-Office" macht Home-Office zur BS — Pruefer suchen genau diese Indizien in den Personalakten.
- Vertreterbetriebsstaette: Vertraege gegenchecken: nach MLI Art. 12 reicht die "Hauptrolle beim Zustandekommen". Pruefer schauen, ob Vertrieb vor Ort Quittungs- und Kundenkommunikationsbefugnis hat — Vertragsmuster und CRM-Datenanalyse.
- Lokales Filing nicht vergessen: viele Staaten verlangen vor Tag 1 Aktivitaet eine Anzeigemeldung (z.B. Frankr